Um die bisher gelegten theoretischen Grundlagen transparenter zu gestalten und an einem praktischen Beispiel aus dem Projektalltag zu erläutern, haben wir die Muster AG und ihren Mitarbeiter, Herrn Müller, erfunden. Herr Müller soll dem Leser als Identifikationspartner dienen. Er ist Projektleiter in diesem fiktiven Unternehmen.
Für dieses Beispiel haben wir absichtlich ein Nicht-IT-Projekt ausgewählt, um deutlich zu machen, dass die Nutzung von passend konfigurierten Internet-Lösungen in jedem Anwendungsbereich Vorteile bringt.
Das mittelständische Unternehmen Muster AG arbeitet projektorientiert. Die Gesellschaft agiert als Bauträger und Projektentwickler, der deutschlandweit Immobilienobjekte entwickelt, realisiert und betreibt. Die Gesellschaft mit etwa 250 Mitarbeitern hat ihren Hauptsitz in Berlin und Niederlassungen in Hamburg, Dortmund, Frankfurt und München. Die Gesellschaft arbeitet mit Fachingenieuren, Fachplanern, Bauunternehmen und Zulieferern aus ganz Europa zusammen. Die Vermarktung der Immobilien erfolgt durch Partner aus dem Finanzdienstleistungsbereich, die durch die Vertriebssteuerungsabteilung der Muster AG unterstützt werden. Jedes Bauprojekt hat ein eigenes Projektbüro, dies befindet sich im Regelfall auf der Baustelle. Herr Müller ist Projektleiter und für den Bau des Technologiezentrum „TC-Ruhr“ verantwortlich. Dieses Projekt wird, wie alle Projekte der Muster AG, nach langfristig bewährten Vorgehensmodellen der Bauträger-Branche abgewickelt.
Für alle Projektaktivitäten setzt die Muster AG konsequent auf die Nutzung der Internettechnologien, um einen sehr effizienten und schnellen Informationsaustausch zu erreichen. Daten werden im günstigsten Fall nur einmal manuell erfasst und danach durch weltweit einheitliche Standard-Protokolle via Internet ausgetauscht.
Abbildung 32: Organigramm der Muster AG
Die IT-Landschaft der Muster AG ist historisch gewachsen und dementsprechend heterogen.
In der Berliner Zentrale befindet sich eine zentrale IT-Abteilung, welche in den Niederlassungen durch IT-Verantwortliche vertreten wird. Alle Mitarbeiter sind mit Desktop-PC oder Notebooks unter dem Betriebssystem Microsoft[i] Windows NT und Windows 98 ausgestattet, eine homogene Migration auf Windows 2000 ist bereits geplant. In der Abteilung Bauphysik sind die Mitarbeiter zusätzlich mit Sun[ii] Workstations unter Sun Solaris ausgerüstet. Auf allen Windows Clients ist Microsoft Office 2000 Professional als Standard-Büroapplikation installiert. Auf den Baustellen kommen ausschließlich Notebooks zum Einsatz.
In Berlin werden die zentralen Compaq[iii]-NT-Server für die Buchhaltung und das Controlling betrieben. Auf zwei Sun Enterprise-Servern werden komplexe bauphysikalische Berechnungen durchgeführt und spezielle CAD-Applikationen betrieben. Im Kommunikations- und Fileserverbereich setzt die Muster AG auf Linux [iv]. In der Zentrale und in allen Niederlassungen sind Compaq ProLiant-Server unter SuSE Linux im Einsatz. Angeschlossene RAID-Systeme sorgen für den notwendigen Speicherplatz. Ein zentraler Messaging-Server ist auf dieser Basis in Berlin eingerichtet.
Die Zentrale ist mit den Niederlassungen und den Projektbüros auf den Baustellen über ein VPN vernetzt. Als Kommunikationsportal dient ein Intranet. Externe Partner haben über ein Extranet Zugriff auf alle benötigten Informationen.
Abbildung 33: Netzwerktopologie der Muster AG
Herr Müller, unser Projektleiter, ist nach zwei erholsamen Wochen in Südfrankreich aus dem Urlaub zurück und soll ad hoc auf der morgigen Vorstandssitzung einen Statusbericht zu seinem Projekt abgeben. Dies bedeutet für ihn, er muss innerhalb weniger Stunden den aktuellen Projektstatus ermitteln und in eine für den Vorstand ansprechende Form bringen. Hierzu benötigt er umfangreiche Daten der Bauleitung, der Buchhaltung, der Vertriebspartner sowie der Fachplaner. Denn die Erwartungshaltung des Vorstandes ist erfahrungsgemäß sehr hoch.
Sehen wir Herrn Müller doch einmal über die Schulter ...
Von der Bauleitung benötigt Herr Müller Informationen zum Baufortschritt, insbesondere möchte er dem Vorstand einen Soll-Ist-Vergleich bezüglich der Kosten-/Zeitplanung mit den entsprechenden Meilensteinen geben. Damit dieses Zahlenmaterial leichter verstanden werden kann, möchte er aktuelle Bilder von der Baustelle beifügen. Die Vermietung der Büroflächen ist bereits angelaufen und die ersten Verträge sind unterschrieben. Daher ist es notwendig, einen aktuellen Überblick über die noch verfügbaren Flächen zu bekommen. Neuestes Zahlenmaterial soll die derzeitige Vermietungssituation glasklar darstellen. Zur Unterstützung der Vertriebspartner wurde das Büro PlanTeam beauftragt, verschiedene Einrichtungs- und Raumnutzungskonzepte für die Kundenakquisition zu entwickeln. Herr Müller möchte diese Besonderheit in seinem Projekt entsprechend in Szene setzen und dem Vorstand die aktuellsten CAD-Entwürfe präsentieren.
Um möglichst schnell einen ersten Überblick zu bekommen, stellt Herr Müller zuerst einen Soll-Ist-Vergleich mit Daten aus dem virtuellen Projektbüro zusammen. Er greift mit seinem Web-Browser direkt auf die Planungsdaten der Bauleitung im Intranet zu. Das Zahlenmaterial wurde mit Excel in so genannten Webordnern veröffentlicht. Herr Müller kann daher jederzeit auf die aktuellsten Daten in einem Standardformat zugreifen und diese auf Knopfdruck weiterverarbeiten. Fehler wie z. B. Zahlendreher bei erneuter manueller Eingabe sind so ausgeschlossen.
Abbildung 34: Wissensportal der Muster AG
Eingesetzte Technologien:
Das virtuelle Projektbüro der Muster AG ist als webbasiertes Portal im Intranet eingerichtet. Die Basis bildet ein Apache Web-Server unter Linux. Die Webseiten werden nach Möglichkeit dynamisch generiert. Hierzu ist es notwendig, Scriptsprachen in die statischen HTML-Dokumente einzubinden und Datenbanken zu nutzen.
Die IT-Abteilung der Muster AG als interner ASP setzt MySQL als relationale Datenbank und PHP als Scriptsprache ein. Die Mitarbeiter in der Zentrale, in den Niederlassungen und auf den Baustellen haben über ein VPN Zugriff auf alle notwendigen Informationen. Externe Partner haben über ein Extranet ebenfalls Zugriff auf ihre speziellen Daten. Durch die konsequente Nutzung der Internet-Technologien ist es weiterhin – ohne Medienbruch – möglich, bestimmte Inhalte in den öffentlichen Internetbereich der Muster AG zu stellen, um so beispielsweise neueste Objektinformationen der breiten Öffentlichkeit oder potenziellen Investoren zugänglich zu machen. Alle Mitarbeiter haben durch ein zentrales Zugriffsrechtekonzept und der Trennung von Layout, Navigation und Content die Möglichkeit, ihre Daten selbst einzupflegen. Eine dedizierte Abteilung für das Web-Publishing ist nicht notwendig.
Die unternehmensinternen CI/CD Vorgaben wurden initial durch einen externen Dienstleister in das Gesamtkonzept eingebracht. Durch den Einsatz von WebDAV auf den Servern haben alle Projektbeteiligten die Möglichkeit, die Web-Funktionalitäten von MS-Office 2000 zu nutzen.
Auch eine Präsentation der derzeitigen Auslastung aller Projektbeteiligten hält Herr Müller beim Gespräch mit dem Vorstand für wichtig.
Für die Planung und Steuerung der Ressourcen verwendet die Muster AG ein webbasiertes Planungstool, um auch alle externen Partner aktiv einbinden zu können. Dieses Tool verwaltet die Aufgaben der einzelnen Mitarbeiter, erstellt Terminpläne und zeichnet den Aufwand je Projekt, Aktivität und Mitarbeiter/Partner auf, woraus sich entsprechende Statistiken generieren lassen. Die geplanten Aufgaben lassen sich nach verschiedenen Kriterien in Terminübersichten anzeigen. Alle Aufgaben können nach Projekten, Aktivitäten oder Mitarbeiter/Partner einzeln oder in Gruppen abgefragt werden. Das System zeigt jedem Mitarbeiter/Partner die ihn betreffenden Aufgaben und informiert den Projektleiter über die bei einem Projekt noch offenen Arbeiten.
Abbildung 35: Benutzeroberfläche des Planungstools
Die gesammelten Informationen werden für zahlreiche Statistiken genutzt, welche bis ins letzte Detail den Aufwand für Projekte, Aktivitäten oder Mitarbeiter/Partner zeigen. In ähnlicher Form liefert das System Informationen, welche Aktivitäten (etwa Dokumentationsaufwand) in welchem Ausmaß bei den einzelnen Projekten angefallen sind oder wie viel Zeit ein Mitarbeiter/Partner für die einzelnen Projekte oder Aktivitäten aufgewendet hat. Herr Müller kann sich also die notwendigen Daten selbst aus dem System holen, ohne erst langwierig mit allen Projektbeteiligten Kontakt aufnehmen zu müssen.
Abbildung 36: Abfragemöglichkeiten des Planungstools
Die aktuellen Projektkosten bekommt Herr Müller aus der Finanzbuchhaltung. Diese repliziert ihre konsolidierten Daten mehrmals täglich auf einem Datenbankserver im Intranet, so dass alle Projektleiter den aktuellen Projektkostenstatus selbst abfragen können. Nebenbei konnten in der Finanzbuchhaltung durch Einsatz der Intranet-Datenbank die telefonischen Anfragen deutlich reduziert werden und somit 10 % mehr Projekte abgerechnet werden, ohne zusätzliches Personal einstellen zu müssen.
Eingesetzte Technologien:
Die eingesetzten Systeme setzen sich aus einer MySQL-Datenbank und einer Sammlung von PHP-Scripts zusammen. Der Zugriff erfolgt über einen Internetbrowser. Da die Installation auf einem Server vorgenommen wurde, der in das Extranet der Muster AG eingebunden ist, können alle externen Partner über eine verschlüsselte SSL-Verbindung auf die Systeme zugreifen. Die Daten in der MySQL-Datenbank können weiterhin durch den Einsatz von MyODBC direkt mit MS-Access weiterverarbeitet oder nach MS-Excel exportiert werden. Sie stehen somit selbst offline zur Verfügung.
Nun noch ein paar aussagekräftige Fotos von der Baustelle und der Vorstand wird begeistert sein. Im elektronischen Projekt-Archiv ist neben den Besprechungsprotokollen und allen anderen Dokumenten auch tagesaktuelles Bildmaterial verfügbar. Die Projektbüros auf den Baustellen sind mit Notebooks und Digitalkameras ausgestattet und haben eine Wählverbindung zum Internet. Die Fotos werden über ein Web-Interface auf dem Server geladen.
Abbildung 37: Projekt-Archiv
Eingesetzte Technologien:
Als Dokumentenarchiv für Protokolle, Berichte, Korrespondenz und andere Dokumente wird ebenfalls eine Kombination aus Webserver (Apache), Scriptsprache (PHP) und Datenbank (MySQL) eingesetzt. Das Projekt-Archiv ist ein webbasiertes, zentrales Dokumentenarchiv, in welchem die Benutzer Unterlagen projekt- oder tätigkeitsbezogen suchen und öffnen oder auf die eigene Workstation laden können. Durch ein entsprechendes Rechtekonzept haben die Mitarbeiter nur Zugriff auf die für sie entsprechend freigegebenen Hierarchieebenen.
Der erste Teilbereich der Vorstandspräsentation ist vorbereitet. Mit Hilfe der zentralen Web-Schnittstelle war das doch ein Kinderspiel!
Nun aber zur Vermietung: Das Extranet der Muster AG bindet die Vertriebspartner interaktiv in die Projektprozesse ein. Über das eigene Vertriebsunterstützungsteam werden den Partnern alle notwendigen Informationen online zur Verfügung gestellt. Durch die Nutzung des portablen Dokumentenformats (PDF ) haben alle Unterlagen ein einheitliches Erscheinungsbild. Angebotskalkulationen werden ebenfalls online durchgeführt.
Abbildung 38: Webordner
Die Daten über vermietete Flächen sowie deren Mieter werden durch die Partner selbst im Datenbanksystem eingetragen. Durch die Verlagerung der Eingabetätigkeit auf die Vertriebspartner sowie durch die komplett elektronische Abwicklung des Datentransportes wurde die Projektleitung zeitlich erheblich entlastet.
Abbildung 39: Datenzugriffsseiten
Eingesetzte Technologien:
Die Web-Funktionalitäten von MS-Office 2000 werden hier in Kombination mit offenen Standards eingesetzt. Sämtliche Objektbeschreibungen und Standarddokumente liegen auf den Fileservern im Extranet. Auch hier wird wieder die WebDAV-Technologie eingesetzt. Die externen Partner greifen auf die freigegebenen Verzeichnisse wie in einer LAN-Umgebung per Webordner zu. Durch die verschlüsselte SSL-Verbindung ist die gesamte Datenübertragung abgesichert, selbst wenn sich die Vertriebspartner über einen anderen ISP mit dem Server der Muster AG verbinden. Alle Dokumente, die an Interessenten oder Kunden herausgegeben werden, liegen im Portable Document Format (PDF) auf den Servern. Dadurch sind die Empfänger in der Lage die Dokumente auch ohne MS-Office zu betrachten. Zum Öffnen und Lesen ist lediglich der so genannte Adobe Acrobat Reader notwendig, der kostenlos in Internet verfügbar ist[v]. Als Datenbank-Front-End werden so genannte Datenzugriffsseiten von MS-Access 2000 eingesetzt. Hierbei haben die Vertriebspartner die Möglichkeit, neue Kundendaten direkt in eine Datenbank via Internet Explorer einzutragen oder Flächen- und Kostenberechnungen in einer Pivot-Tabelle auszuführen.
Hinsichtlich der Vermietung der Erdgeschoßflächen gab es in vorherigen Projekten permanent Schwierigkeiten. Aufgrund dessen beauftragte Herr Müller das Büro PlanTeam, einen externen Projektpartner, für diese Flächen alternative Einrichtungs- und Nutzungsvorschläge zu entwickeln. Das Büro PlanTeam konnte sich die Architekturpläne durch Zugriff auf einen passwort-geschützten und verschlüsselten Bereich im Internet selbständig herunterladen. Durch eine E-Mail an die Systemtechnik hatte Herr Müller einen Teil des CAD-Archivs innerhalb von wenigen Minuten für das Büro PlanTeam via Internet zugänglich gemacht. PlanTeam wiederum speichert die aktuellsten Einrichtungs- und Nutzungsvorschläge direkt im CAD-Archiv der Muster AG ab. Somit kann Herr Müller diese dem Vorstand direkt online präsentieren.
Abbildung 40: CAD-Zeichnung im Browser
Durch die konsequente Bereitstellung und Distribution von Daten über den Webserver der Muster AG wurden innerhalb des letzten Jahres bereits Einsparungen im fünfstelligen Bereich erzielt.
Eingesetzte Technologien:
Die Einrichtungs- und Nutzungsvorschläge werden bei PlanTeam per CAD erstellt und im Drawing Exchange Format (DXF ) auf einem Webserver abgelegt. Herr Müller greift per Webbrowser und dem freien VoloView Express auf die Dateien zu. Dadurch ist er in der Lage, die CAD-Dateien ohne entsprechende CAD-Applikation zu betrachten und sogar darin zu navigieren. Funktionen wie Drucken, Speichern und Zoomen sind ebenfalls eingebaut.
Herr Müller hat es geschafft. Der Projektstatusbericht liegt präsentationsreif in seinem persönlichen Webordner. Zuhause angekommen fällt ihm ein, dass er völlig vergessen hat, sich bei Frau May, der Direktionsassistenz, nach dem Ort und der Zeit der Vorstandssitzung zu erkundigen. Zum Glück hat sein Sohn Thomas ja zum Geburtstag einen Internet-Anschluss für seinen PC bekommen. Wenige Mausklicks am PC des Sohnes und Herr Müller hat die Agenda mit allen Details auf dem Monitor. Denn alle wichtigen Vorstandstermine werden in so genannten öffentlichen Ordnern im Messaging-System abgelegt. Diese sind wie auch alle anderen Funktionalitäten des Messaging-Systems von jedem Internet-Anschluss aus per Webbrowser zu erreichen.
Eingesetzte Technologien:
Als Mail-Protokoll wird IMAP4 eingesetzt. Über den – unternehmensinternen – Standard Mail-Client MS-Outlook sind alle wichtigen Funktionen des Messaging-Systems zu nutzen.
Abbildung 41: Outlook als Messaging-Client
Besondere Funktionalitäten des Cyrus IMAP-Servers werden über die Web-Oberfläche gesteuert. Durch einen zusätzlichen Web-Mail-Client stehen fast alle Messaging-Funktionalitäten auch über den Browser zur Verfügung.
Abbildung 42: Web-Mail-Client
Für Projektgruppen lassen sich innerhalb kürzester Zeit eigene Messaging-Strukturen mit öffentlichen Ordnern – durch das Extranet auch über die Unternehmensgrenzen hinweg – einrichten und betreiben. Die Ordner können mit Dateien beschickt werden und stehen der gesamten Projektgruppe zur Verfügung.
Abbildung 43: Öffentliche Ordner
Durch das integrierte Rechtekonzept ist eine sehr feine Abstufung der Zugriffsrechte bis zur Personenebene möglich. Eine Integration von Fax, Voice und Short Message Service (SMS ) ist bereits in Vorbereitung.
So, nun kann nichts mehr schief gehen und durch die Nutzung der Internettechnologien hat Herr Müller auch wieder Zeit für seine Familie.
Kurz nach dem Abendessen klingelt bei Familie Müller das Telefon. Peter Klein, ein neuer Kollege aus dem Projektbüro im Ruhrgebiet, ist ganz aufgeregt am anderen Ende der Leitung. Er muss noch heute Abend eine Kalkulation fertig stellen und kommt mit einigen Formeln der Tabellenkalkulation Excel nicht zurecht. Herr Müller ist nun die letzte Rettung, da der Helpdesk der Zentrale bereits geschlossen ist. Kein Problem, denkt sich Herr Müller und ist bereits auf dem Weg zum PC seines Sohnes. Er sieht sich das Problem am Bildschirm an. Durch das Conferencing Tool NetMeeting mit seiner Application Sharing-Funktionalität ist es möglich, dass sich Herr Müller und Herr Klein gleichzeitig mit dem Dokument beschäftigen und eine Lösung finden können. Obwohl die beiden mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt sind, kann Herr Müller direkt auf den Rechner im Projektbüro zugreifen, die Applikation komplett aus der Ferne bedienen und so innerhalb von nur wenigen Minuten einige Berechnungsformeln korrigieren. Herr Klein, der alle Aktionen am Bildschirm mitverfolgen konnte und die Erklärung von Herrn Müller gleichzeitig per Telefon bekam, ist erleichtert. Auch hierbei hat der Einsatz von Internet-Technologie geholfen. Herr Müller kann jetzt ruhig schlafen gehen.
Im vorangegangenen Abschnitt wurde das Wissens- und Kommunikationsportal der Muster AG in einer realen Projektsituation betrachtet. In diesem Abschnitt werden technische und funktionelle Details näher erläutert.
Wie jedes betriebliche Informationssystem lässt sich auch das Wissensportal in die drei Ebenen Daten, Funktionen und Oberfläche gliedern[vi], wie Abbildung 44 zeigt.
Abbildung 44: Ebenen eines Wissensportals
Bei der Server-Software wurde bewusst auf kommerzielle Pakete verzichtet. Das gesamte Portal sowie fast alle angegliederten Kommunikationstools wurden mit freier Software realisiert. Eine ausführliche Darstellung der Thematik freie Software befindet sich in Anhang B sowie detailliert auf der CD-ROM.
Als Betriebssystem wird der freie UNIX-Clone Linux verwendet. Linux stellt für diesen Ansatz die erste Wahl dar, trotz einer im Windows-Zeitalter etwas gewöhnungsbedürftigen Konfiguration. Das Betriebssystem ist nicht nur kostengünstig, sondern im Bereich der Hardware auch sehr genügsam. Insbesondere ist aber die Stabilität bei allen notwendigen Serverfunktionalitäten ein Pluspunkt.
Als SQL-Datenbank-Server kommt die relationale Open Source-Datenbank MySQL[vii] der schwedischen Firma TCX zum Einsatz; und zwar nicht nur wegen ihrer Leistungsfähigkeit, sondern auch wegen der sehr großen Verbreitung im Internet sowie der sehr guten Unterstützung durch eine weltweite Entwicklergemeinde.
Standard bei den Webservern gerade unter UNIX-Betriebssystemen ist der Apache [viii]. Im Internet ist er der am meisten genutzte Webserver. Laut einer Erhebung der englischen Firma Netcraft[ix] von August 2000 läuft er auf etwa 55 % aller WWW-Serverrechner (das Konkurrenzprodukt Internet Information Server von Microsoft muss sich hier mit 22 % begnügen, bezogen auf Marktanteil genauso wie auf Performance und Sicherheit). Qualifiziert hat sich der Apache Webserver besonders durch die Möglichkeit der Einbindung von Modulen, die ihm zusätzliche Funktionalität verleihen.
Die notwendige Dynamik bringt PHP[x] in die Webseiten. Diese, der Programmiersprache C ähnliche, interpretierte Scriptsprache ist sehr leistungsfähig und bietet u. a. einfache Funktionen für den Datenbankzugriff. Für praktisch alle führenden Datenbank-Systeme, insbesondere aber für die Ansteuerung von MySQL bietet sich PHP an. Der Programmcode wird in die HTML-Dateien integriert und dann dank des Apache PHP-Modules direkt im Webserver ausgeführt. Somit ist eine Kompatibilität mit allen Browsern in diesem Bereich gewährleistet. Fast alle dynamischen Web-Operationen werden durch PHP-Scripts gesteuert, lediglich die Verwaltung des E-Mail-Servers ist in Perl[xi] – der bekannten Open Source-Scriptsprache – wegen der hier vorhandenen Scripts des SuSE E-Mail-Servers realisiert. MySQL, Apache PHP und Perl sind übrigens auf fast jeder Linux-Distribution zu finden. Die SuSE[xii] Linux-Distribution wurde aufgrund des sehr guten Supports und der weiten Verbreitung im deutschsprachigen Raum gewählt. Auch der auf Unternehmenskommunikation ausgerichtete SuSE E-Mail-Server besteht aus Open Source-Komponenten, die sich auch in anderen Distributionen finden lassen.
Auf der Client-Seite wurde auf dem De-facto-Standard Microsoft Windows 98 als Betriebssystem aufgesetzt. Als Schnittstelle für das Portal wird der Microsoft eigene Browser Internet Explorer verwendet. Obwohl die Portal-Lösung fast ausschließlich einen puren HTML-Datenstrom entsprechend den Spezifikationen des W3C[xiii] an den Browser sendet, sind geringe Abweichungen in der Darstellung bei Verwendung anderer Browser denkbar. Auf den Einsatz von Client-basierten Scriptsprachen oder speziellen Browser-Plug-Ins wurde weitestgehend verzichtet.
Die Funktionalitäten des Portals lassen sich in die folgenden vier Bereiche unterteilen:
· Personalisierung,
· Teamwork,
· Aktive Prozessunterstützung und
· Dokumentenmanagement.
Erst der unternehmens- bzw. projektspezifische Mix der Funktionalitäten in einem Portal, die ständige Neuausrichtung an den Erfordernissen der Nutzer und die Notwendigkeit, diese zu nutzen, verhelfen einer Portal-Lösung zum Erfolg.
Abbildung 45: Funktionalitäten eines Wissensportals[xiv]
Unter einer Personalisierung des Portals versteht man die Funktionalität, die für den Anwender eine an seine Person angepasste Oberfläche und Struktur bietet; beispielsweise Sprache der Benutzerführung, Farbwahl, angebotene Informationen und Menüeinträge. Grundlage der Personalisierung ist eine eindeutige Anmeldung im System. Grundsätzlich gibt es bei der Portal-Lösung der Muster AG keine Möglichkeit, ohne Netzwerkanmeldung auf Informationen zuzugreifen oder neue Informationen einzustellen. Persönliche Profile und Einstellungen werden nach Möglichkeit serverseitig gespeichert. Somit ist gewährleistet, dass Nutzer sich an unterschiedlichen Arbeitsstationen anmelden können, ohne auf ihre persönlichen Einstellungen verzichten zu müssen. Teilweise müssen sich die Mitarbeiter beim Wechsel der Applikation/Funktion erneut anmelden. Es wird allerdings angestrebt, mit einer Anmeldung sämtliche Applikationen zu personalisieren.
Dem Teamwork wird bei der Muster AG durch die Funktionalitäten
· Messaging,
· Conferencing und
· Discussing
Rechnung getragen. Die Basis bildet das zentrale Messaging-System in Berlin. Es wird von allen Mitarbeitern zur persönlichen Mailverwaltung, zum Informationsaustausch über so genannte öffentliche Ordner und zur Gruppenterminplanung genutzt. Die Nutzung von freier Software im Messaging-Bereich gestattet es der Muster AG‚ großzügig von diesen Möglichkeiten Gebrauch zu machen, ohne für jeden Nutzer Lizenzgebühren abführen zu müssen.
Eine aktive Prozessunterstützung wird durch ein
· Online-Planungstool und ein
· Projekt-Archiv
gewährleistet. Die Basis bildet ein zentraler Web- und Datenbank-Server, der alle notwendigen Funktionalitäten in diesem Bereich im Intranet zur Verfügung stellt.
Das Dokumentenmanagement wird durch den Einsatz eines Live Document Store auf einem dezentralen Fileserver-Verbund sowie einer Knowledge Base auf einem zentralen Server unterstützt.
Alle Dateien auf den Fileservern sind durch den kombinierten Einsatz von LAN- und WAN-Protokollen von jedem Arbeitsplatz aus zu erreichen. Während der Live Document Store eine Sammlung von Werkzeugen (Webordnern und Netzwerklaufwerken) ist, mit der sich unstrukturierte Informationen (Dateien) in zentrale Verzeichnisstrukturen bringen lassen, stellt die Knowledge Base den Zugriff auf strukturierte, datenbankgestützte Informationen sicher.
Eine Wissensdatenbank zur Ablage von strukturierten Informationen wurde in der Muster AG als reine webbasierte Lösung mit Apache, MySQL und PHP realisiert. Die Datenbank ist in verschiedene Themenkreise gegliedert, zu denen entsprechende Informationen gespeichert sind. Die Benutzer stellen dem System Fragen zu bestimmten Themen und erhalten die zur Frage passenden Informationen.
Abbildung 46: Benutzeroberfläche der Knowledge Base
Die Benutzer haben unterschiedliche Befugnisse, um beispielsweise neue Fragen, Antworten oder Themengebiete einzupflegen. Die Systemadministratoren können irrelevante Fragen oder irreführende Antworten löschen.
WebDAV und Samba werden zur Datei- und Dokumentenablage auf den Fileservern genutzt. Durch die Kombination beider Protokolle ist es möglich, dass Benutzer von jeder Arbeitsstation aus auf Dateien zugreifen und diese verändern können. Der Zugriff erfolgt von den Windows-Clients über den Datei Explorer oder den Internet Explorer. Doch selbst für die UNIX-Workstations und die Macintosh-Rechner in der Marketing-Abteilung gibt es Zugriffsmöglichkeiten.
Mit WebDAV wird die Idee verfolgt, das HTTP-Protokoll um einige Operationen zu erweitern, die eine Nutzung der WWW-Technologie als universellen Informationsspeicher ermöglichen soll. Als Abkürzungen sind WebDAV oder kurz DAV gebräuchlich. WebDAV führt eine Reihe neuer Konzepte ein:
· Bearbeiter können Dokumente „blockieren“, um Kollisionen bei der Bearbeitung zu verhindern (Locking). Dabei sieht man „persistente Locks“ vor, die keine ständige Netzverbindung erfordern.
· Dokumenten können Eigenschaften (Properties) zugeordnet werden. Das sind beliebige Metadaten, die Syntax nutzt dabei XML.
· Oft will man nicht nur einzelne Dokumente manipulieren, sondern ganze Verzeichnishierarchien bzw. Namensräume (Namespace management). Das dazu gehörige Konzept sind die so genannten Collections. Sie enthalten nur relative Bezüge und bilden eine Hierarchie (die Parent-Collection ist "/"). Weiterhin haben sie Eigenschaften (Locks, Metadaten usw.).
Gegenüber der heute verbreiteten Nutzung des File Transfer Protokolls (FTP) zum Management von Dateien bietet WebDAV einige Vorteile. So kann HTTP mit Sicherheitsmechanismen wie SSL (Secure Socket Layer) und Proxies betrieben werden. Eine weitere Perspektive ist der Mail-Zugriff per HTTP. Die heute noch vorhandenen Einschränkungen gegenüber POP/IMAP können so überwunden werden.
In der folgenden Grafik sind die WebDAV-Operationen aufgeführt:
Abbildung 47: WebDAV-Operationen
Samba, eine Sammlung von Werkzeugen, realisiert zusammen mit WebDAV die Live Document Store-Funktionalität. Es stellt unter einem UNIX-Betriebssystem durch das so genannte Server Message Block (SMB)-Protokoll Werkzeuge zur Verfügung, mit der Windows-Clients Ressourcen wie Verzeichnisse und Dateien auf einem UNIX-Server verwenden können. Weitere Highlights sind die Druck- und Arbeitsgruppenfunktionalitäten für Windows-Clients im LAN. Die Verbindung über Samba wird ebenfalls mit dem Datei-Explorer hergestellt. Hierbei wird allerdings ein so genanntes Netzwerklaufwerk des Servers virtuell mit dem Client verbunden und in die lokale Laufwerkshierarchie integriert.
Abbildung 48: Samba unter Windows 98
Die Freigaben des Samba-Servers sind nur im LAN nutzbar. Da jedoch beide Verfahren kombiniert sind, ist es dem Mitarbeiter überlassen, mit welchem Client und von welcher Lokation (LAN oder WAN) er auf die freigegebenen Ressourcen zugreift. Selbst im Extranet wird die WebDAV-Funktionalität eingesetzt.
[i] Die Firma Microsoft – http://www.microsoft.com – stellt mit ihrer Betriebssystem-Familie Windows, den De-facto-Standard im Büro-Bereich dar.
[ii] Sun Microsystems – http://www.sun.com – ist einer der führenden Hersteller von UNIX-basierten Serversystemen und Workstations.
[iii] Compaq – http://www.compaq.com – ist einer der führenden Hardware-Hersteller auf dem Intel-basierten PC- und Server-Markt.
[iv] Linux – http://www.linux.org – ist eines der bekanntesten Open Source-Projekte überhaupt. Als freier UNIX-Clone hat sich Linux insbesondere im Netzwerkbereich etabliert.
[v] Adobe Reader ist kostenlos über http://www.adobe.com verfügbar.
[vi] Volker Bach beschreibt die drei Ebenen von Wissensportalen [Bach+ 2000].
[vii] Die Datenbank MySQL – http://www.mysql.com – wird insbesondere im Internet-Bereich oftmals zur Realisierung von Datenbank-gestützten Web-Sites eingesetzt.
[viii] Das Apache-Projekt – http://www.apache.org – ist eines der größten Open Source Projekte weltweit und einer der am meisten eingesetzten Werbserver in Internet.
[ix] Die Firma Netcraft – http://www.netcraft.com – führt seit Jahren Untersuchungen zur Nutzung des Internet und dessen Technologien durch.
[x] Die Scriptspache PHP – http://www.php.net – wird gerne in Kombination mit dem Apache-Webserver und der MySQL-Datenbank zur Realisierung von dynamischen Web-Sites eingesetzt.
[xi] Die Scriptspache Perl – http://www.perl.org – hat erst durch das Internet ihren Siegeszug antreten können. Auch hier geht es um die Interaktion mit dem Webserver.
[xii] Die SuSE AG aus Nürnberg vertreibt neben der gleichnamigen Linux-Distribution auch eine Reihe weiterer Linux-Software und Komplettsysteme. Weitere Informationen finden sich auf http://www.suse.de.
[xiii] Das World Wide Web Consortium (W3C) ist als inoffizielle Normierungsinstanz für die Seitenbeschreibungssprache HTML anerkannt. Weitere Informationen finden sich auf http://www.w3c.org.
[xiv] Volker Bach beschreibt die unterschiedlichen Funktionalitäten von Wissensportalen in [Bach+ 2000].